SANDRA KNECHT IM GESPRÄCH MIT HANS ULRICH OBRIST

Sandra Knecht ist eine Schweizer Konzept- und Performancekünstlerin, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit den Themen Identität und Heimat auseinandersetzt. Ihre künstlerische Praxis, die Kochen, Fotografie, Film, Installation und Performance umfasst, untersucht den Begriff der Heimat aus verschiedenen Perspektiven – geografisch, historisch und kulinarisch. Mit ihrem Künstlerbuch Home is a Foreign Place präsentiert sie eine neue fotografische Werkgruppe sowie Dokumentationen ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Für Knecht bleibt Heimat ein fremder Ort, den es immer wieder zu hinterfragen gilt. Im Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist spricht die Künstlerin über ihren Weg zur Kunst und ihre ersten künstlerischen Projekte. 

Hans Ulrich Obrist: Wie hat Dein Projekt auf dem Land angefangen? 

Sandra Knecht: Ich habe früher über 20 Jahre lang als Sozialpädagogin gearbeitet, mit einer Spezialisierung auf männliche Jugendliche mit Integrationsproblemen. Damals habe ich mit den Müttern immer gekocht, weil die sich nicht getraut haben, zu mir ins Büro zu kommen, da sie die Sprache nicht beherrschten oder Angst hatten vor Bürokratie. Ich habe dann deren Söhne respektive Töchter gefragt, ob sie mir zeigen könnten, wie man beispielsweise Börek oder Fesendschān zubereitet. So habe ich dann zweimal pro Woche bei diesen Jugendlichen zuhause gekocht oder gegessen, während wir Gespräche führten. Anfang der 2010er-Jahre spürte ich, dass ich eine Pause brauchte. Ich wollte ein Sabbatical auf einem Gebiet machen, wo ich nicht so viel Ahnung hatte. Da mich Kunst schon immer angezogen hat, entschied ich mich, ein Masterstudium in Bildender Kunst zu machen. Ich dachte, dass mir das ein Reboot für mein Hirn bieten würde. Ich wurde auch ohne Abitur oder Bachelorabschluss angenommen. Nachdem ich drei Wochen dort war, wusste ich, dass ich Künstlerin sein wollte. Das ist meine grosse Liebe. Schon davor bin ich immer in Museen gegangen, auch als Kind. Seither mache ich nichts anderes als Kunst. Aufgrund mangeln- den Geldes – und weil ich wusste, dass niemand in eine alternde Lesbe vom Land investieren würde, die jetzt Kunst machen will – habe ich meine Pensionskasse aufgelöst, in einer Zwischennutzung am Hafen in Basel eine Scheune aufgestellt, die ich zuvor im Jura abgebaut hatte, und mit allen nötigen Baubewilligungen und mit der Wirtefachprüfung schliesslich eine Gastrobewilligung erhalten. Dort habe ich dann einmal im Monat unter dem Titel «Immer wieder sonntags» ein Essen für 30 Personen veranstaltet. Es gab jeweils ein 5-Gänge-Menü, das immer wieder einem anderen Kochhandwerk oder einem anderen Tier aus der Umgebung gewidmet war. Das war der Anfang. Ziemlich bald kamen Koyo Kouoh und Samuel Leuenberger auf mich zu und haben mich nach Venedig eingeladen. Das fand ich grossartig, weil ich damals he- rausfand, dass ich mit meiner Tätigkeit wie eine Porträtistin auf ganz vielen verschiedenen Medien arbeite. Aber eigentlich geht es immer um das Thema «Home Is a Foreign Place», also Heimat als unbekannten Ort – auch als unbekannten Ort in mir – zu verstehen, weil es mich immer interessiert, was die Kunst am Ende ausmacht. Es geht ja nicht nur um Technik, sondern um Imagination. Woher kommt die? Wer hat die beeinflusst? Warum? Daraus entstehen manchmal Bücher und manchmal Installationen. 

HUO: Bücher sind ein wichtiges Medium für Dich.

SK: Bücher sind für mich das Wichtigste.

HUO: Es fing also mit dem Restaurant Chnächt an, einer Zwischennutzung, durch die sich Deine künstlerische Identität definiert hat. Dort kam es aber auch zu Zerstörungen.

SK: Ja, genau. Immer wieder sind jugendliche Banden oder auch Obdachlose eingebrochen, um abzuhängen. Das ist etwa dreimal passiert. Ich habe den Raum nur einmal im Monat aufgemacht, die restlichen Tage über war er geschlossen. Das war mein Ding: Es sollte sich anfühlen, als wäre das Haus vom Himmel gefallen, an einen Ort, an den es eigentlich überhaupt nicht hingehörte. Wenn man in der Scheune drin war, war es ganz still, fast wie in einer Kapelle.

HUO: Wie kam es zu dieser Fassade?

SK: Die Fassade habe ich zusammen mit Maja Hürst, einer Streetart-Künstlerin, entwickelt. Ich habe damals ihre Tiere geliebt, die sie viel früher einmal gemalt hatte. Daher habe ich sie angefragt, ob sie mit mir Gemälde entwickeln wollte, auf der alle vier wichtigen Nutztiere dargestellt sind. Die Bilder haben wir mit Quark, Wasser und Kalk gemalt, so wie man früher Ställe gekalkt hat. Inzwischen sieht man von dieser Fassade fast nichts mehr, die Gemälde wurden vom Regen abgewaschen.

HUO: Welche vier Nutztiere waren das?

SK: Geflügel, Kühe, Säue und Kleinwiederkäuer, sprich Schafe und Geissen.

HUO: Was war nach dem Restaurant Chnächt das zweite grosse Haus-Projekt?

SK: Nach dem Chnächt kam die Voliere auf dem Bauerngut Mapprach. Früher durfte man im Kanton Baselland als Bauer kein Wohnhaus auf dem Land bauen, das war nur innerhalb des Dorfkerns erlaubt. Darum stehen die Häuser in diesen Dörfern immer so dicht zusammen, während rundherum alles frei ist. So hat man die Möglichkeit, dieses Land im Kriegsfall zu bebauen. Mapprach ist ein riesiges Bauerngut ganz oben mit einem riesigen Park mit 200 Jahre alten Mammutbäumen. Das hat mich getriggert. So habe ich aus alten Folientunnels eine viktorianische Voliere gebaut, um die man herumgehen konnte. Im Inneren gab es seltene Gefl ügelrassen, meine Tauben sowie viele Beerenbüsche, die wichtig für Vögel und Insekten sind. Diese Büsche sind heute bei mir auf meinem eigenen Landstück, auch im Kanton Baselland. Damals hatte ich drei Perlhühner etwas ausserhalb auf einem Hügel, wo wir Land gepachtet haben. Im Dorf 200 Meter davon entfernt lebte jemand in seinem Einfamilienhäuschen, der sich von diesen drei Perlhühnern gestört fühlte und Anzeige gegen uns erhob. Ich habe mich auf diesen Kampf eingelassen, denn mich hat die Diskussion darüber interessiert, was in der Schweiz, und vor allem in den Dörfern, eigentlich als goldenes Kalb gilt. Ich habe dieses Dorf schliesslich zur sozialen Skulptur erklärt und begonnen, mich mit den Angestellten der Gemeindeverwaltung, Verwaltungsangestellten des Kantons und Bundes schriftlich auszutauschen. Diese Korrespondenz habe ich dann in dem Buch Babel versammelt.

      


Headerbild: Sandra Knecht und Hans Ulrich Obrist im Gespräch © Michelle Nicol